Die Metapher, die alles erklärt
Nemawashi (根回し) bedeutet wörtlich: die Wurzeln eines Baumes vorbereiten, bevor man ihn versetzt. Wer einen Baum einfach ausgräbt und woanders einpflanzt, verliert ihn häufig. Wer vorher die Wurzeln löst, den Boden vorbereitet, einschlämmt, düngt und dem Baum Zeit gibt, verliert ihn zumeist nicht.
Diese Metapher kommt nicht zufällig aus der Landwirtschaft. Sie beschreibt etwas, das in Veränderungsprozessen ebenso gilt: Menschen, die ohne Vorbereitung in eine neue Situation gesetzt werden, leisten Widerstand, auch wenn die Idee dahinter gut ist. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil die Wurzeln noch im alten Boden hängen.
Nicht die Idee scheitert, sondern der Einführungsmoment
Ich kenne Situationen, in denen Projekte nicht an der Idee gescheitert sind. Sondern daran, dass die Menschen, die diese Idee mittragen sollten, zum ersten Mal in der Entscheidungssitzung davon erfahren haben.
Das ist kein Widerstand gegen die Sache. Das ist Widerstand gegen das Gefühl, übergangen worden zu sein, auch wenn das nicht so gemeint war. Was fehlt, ist Nemawashi: das informelle Einzelgespräch, das geduldige Zuhören im Vorfeld, das Vorab-Klären von Bedenken, bevor diese zur Agenda werden.
Im Japanischen beschreibt das eine Führungspraxis, die nicht im Workshop und nicht in der Präsentation stattfindet. Sie findet vorher statt, in kurzen Gesprächen, die nicht als Vorgespräche angekündigt werden, sondern einfach passieren, weil jemand an die Menschen gedacht hat, bevor er an die Entscheidung gedacht hat.
Warum Caretaker im Meeting selten echten Gegenwind bekommen
Das erklärt etwas, das mir in mehr als 20 Jahren Kundendienst und in Führungsrollen immer wieder aufgefallen ist: Caretaker bekommen in Meetings selten echten Widerstand. Nicht weil ihre Ideen besser sind, sondern weil die Arbeit, die im Meeting sichtbar wird, schon vorher getan war.
Sie haben die Bedenken bereits gehört und integriert. Die Menschen, die später zustimmen, haben schon eine Stimme gehabt, bevor die Abstimmung begann. Was wie eine glatte Entscheidung wirkt, ist in Wirklichkeit das Ergebnis von Nemawashi: sorgfältig, geduldig, ohne Aufhebens.
Das ist so einfach wie genial. Es sind nicht die lautesten Präsentationen, die Entscheidungen tragen. Es ist die stille Arbeit davor.
Das Hexagon ist vollständig
Oyakudachi. Mendomi. Shoganai. Kodawari. Omotenashi. Nemawashi.
Sechs japanische Haltungen, die zusammen das Caretaker-Gen-Hexagon bilden. Kein Führungsmodell, das ich kenne, hat diese Kombination so kompakt gefasst. Und doch beschreiben diese sechs Begriffe etwas, das ich in den besten Menschen, mit denen ich je zusammengearbeitet habe, immer wiedererkennen konnte.
Das Hexagon wird ein Buch. Der Launch ist in Arbeit.
Das Caretaker-Gen ist eine Reihe über Haltung in Führung und Service. Sechs japanische Konzepte, ein Hexagon, ein Modell. Das Hexagon ist vollständig. Am 7. August beginnt ein neues Kapitel der Reihe: Was passiert, wenn das Caretaker-Gen in der Krise gebraucht wird?