Vor einigen Wochen habe ich über die körperlichen Zeichen geschrieben, die kommen, bevor man merkt, dass man nicht mehr kann: veränderter Schlaf, ein sich leise zusammenziehendes soziales Netz, eine Reaktionsschwelle, die nicht mehr stimmt. Unter diesem Artikel hat Andreas Kersten etwas kommentiert, das mich in seiner knappen Einfachheit beeindruckt hat.
Die eigentliche Frage
“Die eigentliche Frage ist nicht: Wie viel arbeite ich? Sondern: Wofür verbrauche ich meine mentale Energie?”
Andreas hat damit etwas benannt, das die meisten von uns nur im Rückblick bemerken. Wir messen Belastung fast automatisch in Stunden, in vollen Kalendern, in Überstunden, weil sich das zählen lässt. Mentale Energie lässt sich nicht in Stunden messen, sie lässt sich nur spüren, und genau deshalb übersehen wir sie so leicht.
Die großen Energiefresser sind selten die langen Tage. Sie sind fehlende Klarheit über das, was eigentlich von einem erwartet wird. Sie sind offene Konflikte, die niemand anspricht, sondern nur mit sich herumträgt. Sie sind das Gefühl, allem und jedem gerecht werden zu müssen, gleichzeitig. Und sie sind der Zustand, permanent zu reagieren statt zu gestalten, jeden Tag im Reaktionsmodus statt im Gestaltungsmodus zu starten. Keines davon steht im Kalender. Alle vier sind im Tank spürbar.
Der Kipppunkt kommt schleichend
Unter demselben Post hat Susanne Kremeier einen Begriff verwendet, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht: den Kipppunkt. Den Moment, an dem aus positiver Energie negative wird, an dem Anspannung nicht mehr anspornt, sondern lähmt.
Das Schwierige an diesem Punkt ist, dass er sich fast nie ankündigt. Er kommt schleichend, oft über Monate, und man merkt ihn meistens erst, wenn man bereits mittendrin steckt. Kierkegaard hat das für das Leben ganz allgemein so beschrieben: Es lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden. Bei mentalen Energiefressern gilt genau das. Man erkennt den Moment, an dem es gekippt ist, fast immer erst im Rückblick, wenn man sich fragt, seit wann es sich eigentlich schon so anfühlt.
Ein anderer Kommentar unter demselben Post kam von HG, der von seinen ganz privaten Energiefressern schrieb: Dinge, die mit Arbeit gar nichts zu tun haben, sondern mit Beziehungen, Erwartungen und alten Geschichten, die man mit sich trägt. Das hat mich daran erinnert, dass der Tank nicht zwei getrennte Füllstände hat, einen für Job und einen fürs Private. Es ist ein Tank, und was ihn tagsüber leert, fehlt abends genauso.
Ein simpler Trick am Abend
Ein Freund hat mir vor Jahren einen Tipp gegeben, der sich für mich als echter Gamechanger herausgestellt hat: am Ende des Tages kurz alles aufschreiben, was noch offen ist und mich innerlich beschäftigt. Nicht um es zu lösen, nur um es aus dem Kopf herauszubekommen.
Der eigene Kopf hört dann auf, nachts im Hintergrund weiter daran zu arbeiten, und der nächste Morgen beginnt spürbar strukturierter. Das kostet keine zehn Minuten, und es verändert trotzdem, wie erholt man sich am nächsten Tag fühlt. Es ist kein Zeitmanagement-Trick. Es ist ein Weg, dem Kopf zu sagen, dass er loslassen darf, weil nichts verloren geht.
Kein Kapazitätsproblem, sondern ein Erlaubnisproblem
Was ich heute noch dazu weiß, das mir damals gefehlt hat: Vieles davon ist kein Kapazitätsproblem, sondern ein Erlaubnisproblem. Sich selbst erlauben, heute nicht alles zu sein. Sich erlauben, nicht jede offene Frage bis zum Abend geschlossen zu haben. Sich erlauben, eine Beziehung, einen Konflikt oder eine Erwartung offen anzusprechen, statt sie stillschweigend weiter mit sich herumzutragen.
Das lernt man nicht einmal, das übt man immer wieder, und zwar am besten, bevor der Kipppunkt kommt, nicht erst danach. Es ist die Übung wert, vor allem im Sinne derer, für die wir Verantwortung tragen. Wer als Führungskraft die eigenen Energiefresser kennt, kann leichter erkennen, wo im Team dieselben Muster gerade beginnen.