KI und Strategie

Der Neue von 2026 wächst doch: KI als Sparringspartner statt Ghostwriter

Die Fortsetzung von Impersonation: derselbe Neue, dieselbe KI, eine andere erste Frage. Warum die KI als Sparringspartner schneller wachsen lässt als jeder Ghostwriter, mit fünf Fragen für das Lernen mit KI und dem, was Führung dazu beitragen kann.
Björn-Olaf Lange · 26. Oktober 2026 · Lesezeit 5 Minuten
Mittags in einem hellen Großraumbüro: Ein junger Mann mit dunklen Locken und dunklem Pullover sitzt mit Notizbuch und Stift neben dem Schreibtisch einer älteren Kollegin mit grauem Kurzhaarschnitt, Brille und senfgelber Strickjacke. Sie erklärt mit offener Hand, er hört aufmerksam zu, vor ihr steht ein aufgeklappter Laptop. (Bild mit KI erzeugt)
Mit KI erzeugtes Bild Werkzeug: ChatGPT (OpenAI) Erstellt: Oktober 2026 Motiv frei erfunden, keine realen Personen Idee, Prompt und Auswahl: Björn-Olaf Lange Mehr dazu im Impressum

Vor gut zwei Wochen habe ich an dieser Stelle über Impersonation geschrieben, über geliehene Kompetenz, mit der wir aussehen wie jemand, der es kann. Im Mittelpunkt stand ein ausgedachtes Beispiel: der Neue, der 2015 eine knappe Woche an einer Analyse gearbeitet hat und daran gewachsen ist, und derselbe Neue im Jahr 2026, der nach zehn Minuten eine glänzende Präsentation der KI in den Händen hält und im Grunde nichts verstanden hat (Impersonation: Wenn KI uns besser aussehen lässt, als wir sind).

Die Geschichte endete mit einer Frage des Chefs: „Erklär mir bitte, wie du darauf gekommen bist.“ Heute bekommt sie das Ende, das sie verdient. In diesem Artikel spiele ich das Beispiel ein zweites Mal durch, mit derselben KI und einer anderen Haltung, und zeige, welche Fragen aus der KI einen Sparringspartner machen und was Führung dazu beitragen kann.

2026, zweiter Versuch

Gleicher Auftrag, gleiche KI, nur meine erste Frage ist eine andere. Ich bin wieder der Neue, Ende 20, erster richtiger Job, und soll Stammdaten aus SAP analysieren, um Muster und Auffälligkeiten in Aufträgen für eine Produktanalyse aufzubereiten. Statt „Mach mir die Analyse“ tippe ich: „Was muss ich verstehen, bevor ich diese Daten lesen kann?“

Die KI erklärt mir, wie Stammdaten in SAP aufgebaut sind, wo sich Fehler gern verstecken, etwa bei doppelt angelegten Kunden oder veralteten Materialnummern, und welche Fragen ich dem Vertrieb und dem Produktmanagement stellen sollte. Mit genau diesen Fragen gehe ich zu den Kollegen, und die Gespräche werden kürzer und tiefer, weil ich schon weiß, wonach ich suche. Die Kollegin aus dem Vertrieb erzählt mir in 20 Minuten mehr über unsere Kunden als jede Auswertung, weil ich sie nach den richtigen Dingen frage.

Excel quäle ich weiterhin selbst, nur sitzt jetzt jemand neben mir, der jede Formel erklärt und auch beim dritten Nachfragen geduldig bleibt. Zeigt eine Pivot-Tabelle etwas anderes als erwartet, frage ich nach dem Warum und bekomme eine Erklärung, weil ich genau darum bitte.

Am Ende lasse ich die KI meine Schlussfolgerungen angreifen: „Wo ist meine Annahme am schwächsten?“ Die Antwort tut ein bisschen weh, sie zeigt mir aber eine Stelle, an der meine Daten dünner sind, als ich dachte.

Nach zwei Tagen stehe ich beim Chef, und als er fragt: „Erklär mir bitte, wie du darauf gekommen bist“, erzähle ich einfach los: von den Daten, von den Gesprächen, von dem Muster, das mir aufgefallen ist, und von der einen Stelle, an der ich mir noch unsicher bin.

Ghostwriter oder Sparringspartner

Genau das ist für mich der Unterschied. Ein Ghostwriter liefert das Ergebnis und behält den Weg für sich. Was er geschrieben hat, trägt am Ende deinen Namen, das Wissen dahinter bleibt bei ihm. Ein Sparringspartner macht den Weg kürzer, gehen musst du ihn trotzdem selbst.

Das Bild kommt aus dem Boxen: Der Sparringspartner steigt mit dir in den Ring, damit du besser wirst. Er zeigt dir deine Deckungslücken und lässt dich Schläge üben, bis sie sitzen, den eigentlichen Kampf bestreitest du am Ende allein. Niemand käme auf die Idee, den Sparringspartner zum Titelkampf zu schicken.

Dieselbe KI kann beides sein. Den Unterschied machen die Fragen, die wir ihr stellen, und die Haltung, mit der wir das tun.

Der Neue von 2026 hat damit sogar einen Vorteil gegenüber seinem Vorgänger von 2015. Er kann so viele Fragen stellen, wie er braucht, auch die, die er sich vor Kollegen vielleicht nicht getraut hätte, und seine Neugier hat rund um die Uhr ein Gegenüber. So lernt er schneller und geht den Weg trotzdem selbst.

Fragen, die aus der KI einen Sparringspartner machen

Aus dem Beispiel lassen sich ein paar Fragen ableiten, die ich jedem mitgeben würde, der neu in einer Aufgabe steckt, egal ob im ersten Job oder als alter Hase in einem neuen Thema.

  1. „Was muss ich verstehen, bevor ich …?“ Diese Frage holt die Grundlagen nach vorne. Sie sorgt dafür, dass ich das Ergebnis später einordnen kann, statt es nur weiterzureichen.
  2. „Welche Fragen sollte ich den Kollegen aus … stellen?“ So führt die KI mich zu den Menschen, die das Geschäft kennen. Die Gespräche mit ihnen bleiben der wichtigste Teil des Weges, die KI sorgt dafür, dass ich besser vorbereitet hineingehe.
  3. „Erklär mir den Schritt, statt ihn für mich zu machen.“ Ob Formel, Auswertung oder Textentwurf: Wer sich den Schritt erklären lässt, kann ihn beim nächsten Mal selbst.
  4. „Wo ist meine Annahme am schwächsten?“ Ein guter Sparringspartner widerspricht, und um diesen Widerspruch bitte ich die KI ausdrücklich. Erst dann erfahre ich, wo mein Ergebnis wackelt.
  5. „Welche drei Fragen wird mein Chef zu diesem Ergebnis stellen?“ Damit probe ich das Gespräch, bevor es stattfindet, und merke früh, an welcher Stelle ich noch nachlegen muss.

Was Führung dazu beitragen kann

Ob die KI in einem Team Ghostwriter oder Sparringspartner ist, entscheidet sich zu einem guten Teil bei der Führung.

  1. Nach dem Weg fragen, bevor die Folien gelobt werden. Die Frage „Erklär mir bitte, wie du darauf gekommen bist“ bleibt der Schlüssel. Wer sie regelmäßig und neugierig stellt, macht klar, dass der Weg zählt, und das Team richtet seine Arbeit mit der KI danach aus.
  2. Unsicherheit als Zeichen von Verständnis lesen. Der Neue hat am Ende von sich aus die Stelle benannt, an der er sich unsicher ist. Für mich ist das ein starkes Signal: Wer seine Schwachstelle kennt, hat das Thema durchdrungen. Genau diesen Moment sollte Führung würdigen.
  3. Die gewonnene Zeit teilen. Zwei Tage statt einer Woche sind immer noch ein großer Gewinn. Ein Teil der gesparten Zeit gehört ins Verstehen, und das sollte auch in der Planung so vorgesehen sein.
  4. Selbst zeigen, wie es geht. Wenn Führungskräfte erzählen, welche Fragen sie der KI stellen und wo die KI ihnen widersprochen hat, wird der Sparringspartner zum Standard im Team. Offenheit beginnt auch hier oben.

Fazit: Der Weg wird kürzer, gehen musst du ihn selbst

Impersonation hat beschrieben, was passiert, wenn wir der KI den Weg überlassen. Der zweite Versuch zeigt, dass es mit derselben Technik und einer anderen ersten Frage auch anders geht. Das macht mir Hoffnung. Der Neue von 2026 kann schneller wachsen als sein Vorgänger von 2015, wenn er die KI als Sparringspartner nutzt und eine Führungskraft hat, die nach dem Weg fragt, bevor sie die Folien lobt.

Am Ende ist es dieselbe Haltung, die mir eine junge Bewerberin vor Jahren in einem einzigen Satz mitgegeben hat: Menschen und ganz viel lernen. Die KI kann uns auf diesem Weg begleiten, gehen müssen wir ihn selbst.

Zuerst erschienen auf LinkedIn am 26. Oktober 2026.

Weiterlesen
Björn-Olaf Lange an einer Ziegelwand

Kontakt

Lass uns sprechen.

Kein generischer Erstkontakt. Kein unpersönliches Screening. Wenn das, was du hier gelesen hast, passt, dann ist ein direktes Gespräch der sinnvollste nächste Schritt. Ich freue mich darauf.

← Zurück zur Übersicht