Ich breche eine Lanze für die Generation Z, denn was da an Talenten und vor allem an spannenden Charakteren in den Markt drängt, ist bewundernswert. In Bewerbungsgesprächen habe ich gerade diese jungen Menschen als clever, wach, hungrig und extrem spannend erlebt.
Eine von ihnen hat mir gezeigt, dass sich das Rad definitiv immer weiterdreht und die Dinge sogar noch besser werden. Firma und Namen lasse ich bewusst weg, die Geschichte gehört ihr. In diesem Artikel erzähle ich von diesem Gespräch, von einem Satz, der mich bis heute begleitet, und davon, was ich daraus für Bewerbungsgespräche und für Führung mitnehme.
Ein Gespräch, das hängen geblieben ist
Sie saß vor mir und hatte trotz ihrer jungen Jahre eine professionelle Ausstrahlung, die man ihr eigentlich noch gar nicht zutrauen würde. Ihr klarer, aufmerksamer Blick war das Erste, was auffiel. Sie war knapp 20, hatte eine Ausbildung und einen Wunsch, den sie auch benennen konnte.
Ich saß dort mit der Kollegin von HR, und wir wollten zuerst das Eis brechen und ihr Raum geben. Klar hatte sie keine lange Vita, und wir suchten nur jemanden für den Bereich Kundenkommunikation, aber es war ein besonderer Moment.
Sie wusste trotz wenig Erfahrung mit cleveren Antworten zu punkten, und auf die Frage, was ihr an der Arbeit bei uns besonders Spaß machen würde, sagte sie: „Menschen und ganz viel lernen.“
Ein Satz, der mehr sagt als jede Vita
Die Demut dieser kurzen und knappen Aussage war entwaffnend. Statt einer Liste auswendig gelernter Stärken hat sie in einem Satz gesagt, worauf sie sich freut.
In diesen fünf Worten steckt für mich fast alles, was die Arbeit in der Kundenkommunikation ausmacht. „Menschen“ heißt, Freude am Gegenüber zu haben, am Kunden genauso wie an den Kollegen. „Ganz viel lernen“ heißt, mit offenen Augen anzukommen, Fragen zu stellen und zu wissen, dass man noch lange nicht fertig ist. Fachwissen lässt sich vermitteln, diese Haltung bringt jemand mit.
Im Umkehrschluss hat sie mich mit diesem einen Satz wieder gelehrt, worum es eigentlich immer gehen sollte, vor allem auch als Führungskraft. Führung ist im Kern genau das: Menschen und ganz viel lernen. Wer neugierig auf seine Menschen bleibt und selbst weiterlernt, führt Menschen statt Prozesse.
Von der Jüngsten im Team zur Teamleiterin
Das Gespräch ist Jahre her, aber ich beobachte den Weg vieler meiner „besonderen Kollegen“ mit Freude. Sie hat es sehr schnell geschafft: Als Jüngste im Team wurde sie nach knapp zwei Jahren an allen vorbei Teamleiterin.
Das Lernen lief dabei in beide Richtungen. Auf dem gemeinsamen Weg hat sie mich mit feinen kleinen Impulsen immer wieder auf neue Gedanken gebracht und mich auch vieles gelehrt. Genau darin liegt für mich ein großer Gewinn, wenn junge Menschen ins Team kommen: Sie bringen einen frischen Blick mit, stellen Fragen, die im Alltag sonst leicht untergehen, und halten damit auch die Erfahrenen wach.
Da schließt sich der Kreis: „Menschen und ganz viel lernen“ … und das freut mich sehr.
Was ich daraus für Bewerbungsgespräche mitnehme
Aus diesem Gespräch und vielen weiteren sind für mich ein paar Dinge geblieben, die ich jedem mitgeben würde, der Menschen einstellt.
- Erst das Eis brechen, dann fragen. Die ersten Minuten gehören dem Menschen gegenüber. Wer sich wohlfühlt, zeigt, wer er ist, und genau das will ich ja kennenlernen. Mit einer lockeren Frage und echtem Interesse entsteht dieser Raum fast von selbst.
- Nach der Freude fragen, nicht nur nach der Erfahrung. Die Frage, was jemandem an der Arbeit besonders Spaß machen würde, sagt oft mehr als die Frage nach Stärken und Schwächen. Die Antwort zeigt, was jemanden antreibt, und das ist gerade bei einer kurzen Vita die wichtigste Information.
- Auf Haltung hören. Eine kurze Vita erzählt wenig darüber, wie jemand mit Kunden und Kollegen umgeht. Wie jemand über Menschen spricht und wie neugierig er ist, hört man im Gespräch. Warum genau das in vielen Stellenausschreibungen untergeht, habe ich in Das Caretaker-Gen im Recruiting beschrieben, und was passiert, wenn man hinter eine Lücke im Lebenslauf schaut, in Was kein Algorithmus erkennt.
- Nach der Einstellung Raum zum Wachsen geben. Das Gespräch ist erst der Anfang. Wer Talent sieht, sollte ihm früh Verantwortung zutrauen, mit Begleitung, und Entwicklung an Wirkung und Haltung messen statt an Alter oder Betriebszugehörigkeit.
Fazit: Die Grundtugenden zeigen nach vorne
Vieles verändert sich, die Generationen, die Werkzeuge und die Art, wie wir arbeiten. Trotzdem sind es auch die Grundtugenden, zusammen mit der Demut dieser einen Aussage, die nach vorne zeigen. Neugier auf Menschen und die Lust, jeden Tag dazuzulernen, gelten für eine Bewerberin mit knapp 20 genauso wie für eine Führungskraft mit fast 20 Jahren Erfahrung.
Danke an dich, an alle, die Menschen Raum zum Wachsen geben, und an alle, die dann zeigen, dass sie es können!