Führung und Kultur

Compa (コンパ): Warum Verbindung im Team einen Ort braucht

In Japan gehört der Abend mit dem Team zur Führungskultur, bei Kyocera sogar mit eigenem Tatamiraum. Was ich bei Compas in Japan und Deutschland erlebt habe und wie die Idee auch in europäischen Teams funktioniert, freiwillig und mit einem echten Anlass.
Björn-Olaf Lange · 12. Oktober 2026 · Lesezeit 5 Minuten
Ein Team sitzt abends in einem Tatamiraum um einen niedrigen Tisch, ein älterer Kollege schenkt einer jungen Kollegin Sake nach. (Bild mit KI erzeugt)
Mit KI erzeugtes Bild Werkzeug: ChatGPT (OpenAI) Erstellt: Oktober 2026 Motiv frei erfunden, keine realen Personen Idee, Prompt und Auswahl: Björn-Olaf Lange Mehr dazu im Impressum

Ein Abend mit den Kollegen, gemeinsam essen und trinken, ohne Agenda und ohne Folien: In Japan heißt so ein geselliges Beisammensein Compa (コンパ, Konpa), und unter Kollegen gehört es ganz selbstverständlich zur Führungskultur.

Bei uns zucken viele bei dem Gedanken erst einmal zusammen, Feierabend ist schließlich Feierabend. In diesem Artikel erzähle ich, wie ich die Compa in Japan kennengelernt habe, wie Kyocera sie als Führungsinstrument nutzt, wie sie in meinen Teams in Deutschland funktioniert hat und was Führungskräfte daraus mitnehmen können.

Was eine Compa ist

Das Wort Compa (コンパ, Konpa) steht im japanischen Alltag für ein geselliges Treffen, eine Party oder ein lockeres Beisammensein, bei dem man zusammen trinkt und sich kennenlernt. Bei Kyocera heißen so die Abende, an denen Kollegen miteinander essen und trinken (President Online, 2015).

Kennengelernt habe ich die Compa bei Besuchen in Japan, erst rund um Konica Minolta und Ricoh, später bei den Strategie- und Philosophiemeetings von Kyocera. Das Bild oben ist in Kyoto entstanden, Kollegen von Kyocera bunt gemischt, Becher in der Hand und alle mit einem Lächeln im Gesicht…

In Japan hat Arbeit einen anderen Stellenwert, genauso die Kollegen und die Verbindungen, die bei der Arbeit und darüber hinaus mehr oder minder erwartet werden. Viele Menschen sind dort im Alltag eher reserviert. Die Compa ist der Ort, an dem aus ihnen ein Team wird: Man sitzt zusammen, isst, trinkt und redet, und die Rollen aus dem Büro treten für einen Abend in den Hintergrund.

Die Compa bei Kyocera: ein eigener Raum im zwölften Stock

Wie ernst das gemeint ist, sieht man bei Kyocera. Dr. Kazuo Inamori hat die Compa kurz nach der Gründung des Unternehmens eingeführt. Er hatte sich damals gefragt, warum er sich mit seinen Mitarbeitern nicht wirklich verstand und warum die Organisation nicht zusammenwuchs. Seine Antwort war, so beschreibt es das Buch “Inamori-ryu Compa”, der gemeinsame Abend, an dem man miteinander trinkt und sich öffnet (Nikkei BP, 2015).

In der Zentrale in Kyoto liegt dafür im zwölften Stock ein Tatamiraum mit 100 Matten, der Compa-Raum. Das Grundprinzip: Man sitzt im japanischen Zimmer um einen gemeinsamen Topf (Nabe), Knie an Knie, und tauscht bei einem Glas offen Meinungen aus. Grundsätzlich nehmen alle teil, die Termine werden ein bis zwei Wochen vorher geblockt, und die Kosten trägt jeder selbst, meist 2.000 bis 3.000 Yen pro Person (President Online, 2015).

Die Autoren des Buchs gehen sogar so weit, dass die beiden bekanntesten Bausteine von Dr. Inamoris Führungsstil ohne die Compa nicht funktioniert hätten: das Amöbenmanagement, bei dem kleine Einheiten ihr Ergebnis selbst verantworten, und die Unternehmensphilosophie, die gemeinsame Werte für alle festhält (Nikkei BP, 2015). Das klingt zunächst nach einer steilen These, passt aber zu dem, was ich erlebt habe: Werte, über die man nur in Präsentationen spricht, bleiben Papier. Lebendig werden sie im Gespräch, in dem jeder ehrlich sagen kann, was ihn beschäftigt.

Compas in Deutschland: gleiche Idee, andere Spielregeln

Bei Ricoh und bei Kyocera gab es auch in Deutschland ein Budget für Compas mit den Teams hier. Nur ticken die Teams hier anders. Wir trennen Arbeit und Privatleben deutlicher, also mussten die Abende hier auch anders funktionieren.

Meine Compas hatten deshalb immer ein Thema, ein Motto oder eine Verbindung zur Philosophie des Unternehmens, und sie waren natürlich freiwillig. Damit unterschieden sie sich in zwei Punkten deutlich vom japanischen Vorbild bei Kyocera: Dort ist grundsätzlich jeder dabei und zahlt selbst, bei uns kam, wer wollte, und das Budget kam von der Firma.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, saßen bei uns meistens mehr Leute aus dem Team am Tisch als bei den allgemeinen Veranstaltungen der Firma. Darauf bin ich bis heute ein bisschen stolz.

Was Führung daraus mitnehmen kann

Aus diesen Abenden habe ich vier Dinge mitgenommen, die auch ohne Tatamiraum funktionieren.

  1. Einen Anlass geben. Ein Thema, ein Motto oder ein Bezug zu den Werten des Unternehmens macht aus „wir gehen mal was trinken“ einen Abend, für den es sich lohnt, länger zu bleiben. Der Anlass gibt dem Gespräch eine Richtung, ohne daraus ein Meeting zu machen.
  2. Freiwilligkeit ernst meinen. Wer kommt, kommt gern, und wer zu Hause bleibt, ist am nächsten Morgen genauso Teil des Teams. Vielleicht war gerade diese Freiheit der Grund, warum bei uns der Tisch voll war.
  3. Als Unternehmen investieren. Ein Budget zeigt dem Team, dass die gemeinsame Zeit dem Unternehmen etwas wert ist. Die Einladung kommt dann von der Firma und nicht aus dem eigenen Geldbeutel der Mitarbeiter.
  4. Hinschauen. Am langen Tisch merkt man, wie es den Menschen wirklich geht: wer still geworden ist, wer gerade viel trägt, wer sich über etwas freut. Im Japanischen gibt es dafür ein eigenes Wort, Mendomi (面倒見), über das ich in Mendomi, führen heißt wirklich hinschauen ausführlich geschrieben habe. Im Statuscall sieht man davon wenig, an einem langen Tisch deutlich mehr.

Fazit: Verbindung braucht einen Ort

Verbindung entsteht freiwillig, man kann ihr aber einen Ort geben: einen Abend, an dem niemand eine Rolle spielen muss, einen Anlass, der mehr ist als „wir gehen mal was trinken“, und die Freiheit, zu kommen oder eben zu Hause zu bleiben.

Kyocera hat dafür einen Raum mit 100 Tatamimatten gebaut. Für die meisten Teams reichen ein langer Tisch, ein gutes Thema und jemand, der einlädt…

Alle Quellen wurden am 11. Oktober 2026 geprüft.

Quellen

Zuerst erschienen auf LinkedIn am 12. Oktober 2026.

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Björn-Olaf Lange an einer Ziegelwand

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